Terrorismus – das Geschäft mit der Angst

Nicht erst seit dem Anschlägen in Manchester vom 22. Mai oder in Berlin im Dezember vergangenen Jahres entsteht der Eindruck: Nirgendwo in Europa oder auch in der Welt ist man mehr sicher, jeder kann jederzeit Opfer eines Terroranschlages werden. Immer mehr Menschen haben Angst vor diesem Terrorismus.

Betrachtet man hingegen die nackten Zahlen, dann entsteht ein ganz anderes Bild: Die Gefahr in Europa Opfer eines Terroranschlages zu werden, war in den 1970er bis 1980er Jahren deutlich größer als heute. Das wird z.B. in einem durchaus lesenswerten Artikel der Zeit vom 23.03.2017 oder auch in einem Beitrag des schweizer Online-Magazins Watson deutlich.

Das soll nun nicht heißen, dass die Angst vor Terrorismus völlig unbegründet ist. Hierzu ein längeres Zitat aus dem erwähnten Artikel der Zeit:

Das heißt nicht, dass die jetzige Terrorangst übertrieben oder gar unbegründet ist. Viele der Anschläge in den Siebzigern und Achtzigern wurden von regional agierenden Gruppen verübt: die IRA in Irland und Nordirland, die ETA in Spanien, neofaschistische Gruppen in Italien, die RAF in Deutschland. Sie waren für die Menschen in diesen Ländern eine Bedrohung, für den Rest von Westeuropa aber jeweils ungefährlich. Der heutige islamistische Terror hingegen zielt auf Europa als Ganzes, jeder Ort kann gleichermaßen zum Ziel werden. Deshalb empfinden ihn Menschen beispielsweise in Berlin als bedrohlicher als damals die Angriffe der ETA oder der IRA, die zwar mehr Menschenleben kosteten, aber auch weiter weg waren.

Ebenfalls keine Verharmlosung, aber doch eine Einordnung, ist der Blick auf die Terroropfer nach Regionen, ebenfalls von Statista und Huffington Post. Zwischen 2001 und 2014 starben weltweit 108.294 Menschen durch Terror, davon 420 in Westeuropa. Allein im Irak waren es mehr als 42.000, in Afghanistan, Pakistan und Nigeria ist die Zahl auch noch fünfstellig.

 

Die Rolle der Medien nach Terroranschlägen

Wenn in Europa ein islamistischer Terroranschlag verübt wird, dann passiert folgendes: In allen Medien, insbesondere auch in den Nachrichtensendungen im Fernsehen, gibt es kaum noch ein anderes Thema. Auch wenn zu Beginn zumeist über die Hintergründe der Tat noch nicht viel bekannt ist, es wird in jedem Fall ausführlich berichtet. Neben den üblichen Nachrichten gibt es dann auch noch diverse Sondersendungen zusätzlich in den Programmen. Das geht an den Menschen natürlich nicht spurlos vorüber. Die Angst vor dem Terror wird größer.

Nein, ich bin kein Anhänger von irgendwelchen Verschwörungstheorien. Hinter dieser Berichterstattung in den Medien stecken keine „dunklen“ Mächte, die irgendwelche bösen Ziele verfolgen und die Medien für ihre Zwecke instrumentalisiert haben. Gerade auch in Europa leben wir in einer Welt, in der Geld fast alles bedeutet. Und für die Fernsehsender heißt das vor allem. Es geht um Einschaltquoten.

Dabei haben es Nachrichtensendungen besonders schwer. Die allermeisten Menschen wollen im TV unterhalten werden, das Interesse an Berichten, die sich mit gesellschaftlichen Problemen ausführlich, seriös und auch mit der gesamten Komplexität dieser Ereignisse auseinandersetzen, ist eher gering. Einschaltquoten bringen Berichte, die kurz und knapp (das heißt auch oft: oberflächlich) über Themen berichten, die die Menschen interessieren. In diesem Zusammenhang kann es sich kein TV-Sender leisten, Terroranschläge nicht zu einem großen Thema zu machen. Allerdings nicht, indem dann auch die gesamten Zusammenhänge ausführlich dargestellt werden. Themen in diesen Sendungen sind vor allem:

  • Wie geht es den Opfern und den Angehörigen.
  • Was sind das für Menschen, die solche barbarischen Anschläge verüben?
  • Was muss getan werden, damit diese Gefahr des Terrorismus endlich gebannt werden kann?

Noch einmal: Es geht mir nicht darum, dass darüber nicht berichtet werden sollte. Wenn allerdings diese Anschläge nicht in größere Zusammenhänge und Fakten eingeordnet werden, wie etwa in dem erwähnten Artikel der Zeit, dann erreicht diese Berichterstattung allerdings folgendes:

  • Die Angst der Menschen vor dem Terror wird immer größer
  • Die Bereitschaft der Menschen, immer drastischeren Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen zuzustimmen, wächst.
  • Die Bereitschaft der Menschen, etwa im Nahen Osten Kriegshandlungen gegen den Terror zuzustimmen wächst.
  • Das es sich um islamistischen Terror handelt, gewinnen rassistische oder rechtsradikale politische Kräfte in Europa immer mehr an Boden.

Doch, es gibt innerhalb der Medien zu diesem Thema auch immer mal wieder gute Berichte oder Artikel. Allerdings bringen solche Berichte etwa im TV keine großen Einschaltquoten. Diese werden dann zumeist nicht zu den Hauptsendezeiten gebracht. Bei den allermeisten Menschen kommt das dann gar nicht an, mit der Folge, dass die Angst immer weiter wächst.

 

Das Spiel der Politik mit der Angst

Es gab sie schon immer, die politischen Kräfte, denen die Überwachung der Bürger wichtiger ist als demokratische Rechte, die mit Aufrüstung und Krieg den Einfluß ihrer Macht in der Welt stärken wollten. Wenn Menschen Angst vor dem Terror haben, dann lassen sich diese Ziele viel leichter erreichen. Beispiele:

  • Nach den Anschlägen in Paris Anfang 2015 beteiligten sich Frankreich und Deutschland am Bombenkrieg im Nahen Osten gegen den IS.
  • Nach den jüngsten Anschlägen steht die NATO als Ganzes kurz vor dem Eintritt in den Krieg gegen den IS. Massive militärische Aufrüstung sind sowohl in Europa als auch in den USA geplant.
  • Mit immer neuen Sicherheitsgesetzen werden immer mehr BürgerInnen überwacht. Geheim- und Nachrichtendienste werden immer weiter ausgebaut.

Den Zorn solcher Politiker ziehen dann andere Politiker auf sich, die diese ganze Art des Kampfes gegen den Terror in Frage stellen, wie etwa der britische Oppositionsführer von Labour, der am 26.05.2017 laut Süddeutscher Zeitung folgendes sagte:

Großbritannien und andere westlichen Staaten haben in den vergangenen 15 Jahren Kriege in Ländern wie Libyen geführt (dort wurden die Eltern von Salman Abedi geboren). „Wir müssen mutig genug sein und zugeben, dass der Krieg gegen den Terror einfach nicht funktioniert“, sagt Corbyn.

Wenn man nur die Zahlen des oben erwähnten Artikels aus der Zeit zurate zieht, dann muss man meiner Meinung nach sagen: Corbyn hat recht. In den Jahren 2001 bis 2014 starben demnach in Westeuropa 420 Menschen durch Terroranschläge, in der gesamten Welt hingegen über 100.000. Die meisten davon gerade in den Ländern, in denen der Westen seinen Krieg gegen den Terrorismus führt.

 

Was sollte man gegen den Terrorismus tun?

Das folgende ist nur meine bescheidene eigene Meinung. Die eigentliche Ursache des Terrorismus liegt immer darin, dass Menschen sich ungerecht behandelt fühlen oder auch, dass sie sehen, dass Menschen ganz woanders in der Welt ungerecht behandelt werden. Das alleine macht natürlich noch keine Terroristen.

Die allermeisten Menschen, die solch ein Unrechtsemfinden haben, werden überhaupt nicht aktiv, weil sie meinen, dass sie sowieso keine Chance haben, daran etwas zu ändern. Ein kleinerer Prozentsatz, aber immer noch sehr viele, setzt sich mit friedlichen Mitteln (etwa Demonstrationen) gegen solches Unrecht zur Wehr. Nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz gelangt aus den verschiedensten Gründen irgendwann zu dem Schluss, dass dieses empfundene Unrecht nur mit den Mitteln des Terrors bekämpft werden kann. Das klingt jetzt ziemlich abstrakt, deshalb lasse ich an dieser Stelle den Attentäter von Manchester zu Wort kommen, jedenfalls das, was er laut einem Artikel der Zeit vom 26.05.2017 gedacht haben könnte:

Der Selbstmordattentäter von Manchester, Salman Abedi, soll nach Angaben aus seinem Umfeld aus Rache gehandelt haben. Laut britischen Medien habe sich der libyschstämmige 22-Jährige dem Extremismus zugewandt, nachdem er im vergangenen Jahr gesehen habe, wie ein Freund von britischen Jugendlichen verfolgt und schließlich erstochen wurde. Wie aus dem Umfeld Abedis verlautete, löste die Tat Wut unter jungen Libyern in Manchester und insbesondere bei Salman Abedi aus.

Das rechtfertigt natürlich überhaupt nicht diesen abscheulichen Terroranschlag. Allerdings wirft es dennoch die Frage auf, ob die Entwicklung innerhalb der brititschen Gesellschaft (ähnliches gilt auch für andere Länder in der EU) diesen Terroranschlag nicht mit verursacht hat. Vielleicht wäre der Freund des Attentäters nicht getötet worden, wenn der Rassismus in Großbritannien nicht so weit verbreitet wäre? Vielleicht wäre dann dieser Anschlag gar nicht passiert?

Genauso muss man sich auch fragen, wie viel der Krieg gegen den Terror dazu beiträgt, dass es immer mehr Terroristen gibt. Es gibt keinen sauberen Krieg. Auch wenn man „nur“ Bomben abwirft mit dem Ziel, IS-Kämpfer zu töten, sterben dabei auch immer wieder unschuldige Zivilisten. Das passiert auch bei dem von den USA geführten Drohnenkrieg, bei dem Menschen in allen möglichen Ländern ermordet werden, die man für Terroristen hält. Mit jedem getöteten Unschuldigen erleichtert man es islamistischen Terrororganisationen ungemein, neue Selbstmordattentäter zu rekrutieren.

Meine Meinung also: Je mehr es gelingt, eine Welt zu schaffen, in der Kriegswaffen und Kriege keinen Platz mehr haben; eine Welt, in der das Unrecht immer weiter zurückgedrängt wird und wirklich jeder Mensch eine Chance auf ein befriedigendes und sinnvolles Leben hat: Je mehr es gelingt, in dieser Richtung Fortschritte zu erziehlen, um so weniger Terroranschläge wird es auf der Welt geben.

Wie weit wir davon allerdings noch entfernt sind, das zeigt eine andere Zahl. Nur noch einmal zur Erinnerung: In Westeuropa starben in den Jahren von 2001 bis 2014 420 Menschen durch terroristische Anschläge. Viel mehr Menschen sterben jedes Jahr, weil sie im Mittelmeer auf der Flucht ertrinken. Hierzu wieder aus einem Artikel der Zeit vom 25.10.2016:

Nach UN-Angaben sind bisher mindestens 3.740 Menschen in diesem Jahr bei der Flucht über das Mittelmeer umgekommen. Damit sei zu befürchten, dass die Zahl der ertrunkenen Flüchtlinge bis Ende 2016 den Rekord des Vorjahres deutlich übersteigen werde, sagte ein UNHCR-Sprecher. 2015 seien 3.771 Todesfälle registriert worden.

Eine Politik, die so etwas zulässt, trägt mit Sicherheit nicht dazu bei, die Gefahr des Terrors zu verkleinern,

Detlef Beune

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